Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Grundrisse lesen!


Mit der Krise 2008 begann ein echter Run auf das marxsche Kapital, teilweise sogar über die Kreise der Linken hinaus. Der Dietz-Verlag meldete zwischenzeitlich, dass die Lagerbestände des Werkes ausverkauft seien, Kapital-Lesekreise und Gruppen schossen wie die Pilze aus dem Boden. Doch einer ersten Euphorie folgte schnell die Ernüchterung. Wa­ren die Lesezirkel bei den ersten Sitzungen noch überfüllt, so lichteten sich die Reihen meist schnell. Die selbst gesteck­ten Ziele, nicht beim ersten der drei blauen Bände stehenzubleiben, sondern auch zum zweiten und dritten Teil dersel­ben fortzuschreiten, wurden fast nirgends erreicht. Meist war man schon nach wenigen Wochen wieder im Kreise der üblichen verdächtigen und führte die altbekannten, halb scholastischen Debatten über den Fetischcharakter der Ware oder den Wertbegriff.

Doch auch wenn es mancherorts besser lief, und der erste Band erfolgreich bis zum Ende gelesen wurde, ist dies kaum das nötige Rüstzeug, um die Krise der bürgerlichen Ökonomie zu verstehen, geschweige denn, ein politisches Pro­gramm zu deren Überwindung vorzulegen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn der erste Band des Kapital handelt zunächst einmal lediglich vom Produktionsprozess mit einer sehr starken Betonung auf dem entstehen des Mehrwerts. Mit dieser Fokussierung ist das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis allerdings nicht zu verstehen, denn dieses ist schon seinem Begriff nach die Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess. Nur von diesem Blickpunkt kann verstanden werden, was es bedeutet, dass der ganze gesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsprozess eingefangen ist im Wert und dem Geld, als der Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit. Und nur von dieser Seite kann auch ver­standen werden was Krise letztlich bedeutet; das nämlich der gesellschaftliche Charakter der Produktion, der sich in dieser Gesellschaft zwangsläufig erst im Nachhinein herausstellen kann,  ausbleibt.

Erst bei der Beleuchtung des Zirkulationsprozesses wird auch klar, dass der Kredit, in allen seinen Formen, eine Notwendigkeit der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft bildet und Mehrgewinn sich aufteilen muss in Zins und Profit. Diese Notwendigkeit zu verstehen ist aber unabdingbar, wenn man allen Formen verkürzter Kapitalismuskritik eine kla­re Absage erteilen will.

Diese Punkte kann der erste Band des Kapital mit seiner Fokussierung auf den Produktionsprozess und die Ausbeutung nicht bieten. Anders verhält es sich mit den Grundrissen (der Kritik der politischen Ökonomie), die Marx bereits in den fünfziger Jahren niederschrieb und gewissermaßen einen Rohentwurf seiner wissenschaftlichen Betrachtungen der bür­gerlichen Ökonomie liefern. Ausgehend vom Geld behandelt Marx im ökonomischen Teil der Grundrisse erst den Produktionsprozess, dann den Zirkulationsprozess und  bschließend das Kapital an sich selbst gemessen – Zins und Profit. Schon die Darstellung des Geldes und seiner drei Bestimmungen in den Grundrissen ist bemerkenswert, vor allem, dass herausgearbeitet wird, wie im Geld, Lohnarbeit und Kapital bereits latent vorhanden sind. Über den Rahmen des darge­stellten hinaus heißt es dann zukunftsweisend: Im Geldmarkt ist das Kapital in seiner Totalität gesetzt; darin ist es preisbestimmend, Arbeit gebend, die Produktion regulierend, in einem Wort Produktionsquelle.

Ein anderer großer Vorzug der Grundrisse ist, dass Marx diese für kein breiteres Publikum geschrieben hat. Die popularisierenden Tendenzen, in denen er oft mehr Politiker seiner Zeit, denn Wissenschaftler ist, fallen somit weg. Dies macht die Lektüre zwar anstrengender, sie erscheint dafür aber zeitgemäßer. Gerade beim ersten Teil des Kapital, neh­men die belletristischen Ausschweifungen über die Ausdehnung des Arbeitstages oder die Qualität der Lebensmittel so einigen Raum in Anspruch. Auch wenn dies seinerzeit sicher gut beobachtet war, so ist es für den heutigen Leser doch eher störend. Die Grundrisse jedenfalls sind keine politische Agitation für die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Durch die nüchternere Darstellung wird viel klarer, dass Marx in seiner Analyse gerade kein Kind seiner Zeit war, son­dern durch das Studium der Gesetzte der bürgerlichen Produktionsweise in England die Entwicklungen der Moderne antizipieren konnte. Und so kann er bereits in den Grundrissen erklären, warum die Wirtschaft periodisch, also in ge­wissen Zyklen, in die Krise geraten muss.

Auch die Aussichten, warum die Wertproduktion auf einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung zu ihrer eigenen Schranke werden muss, werden gut herausgearbeitet. Denn das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch da­durch, dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Hier ist kein Platz für sozialdemokratische oder keynsianische Gedankenspiele. Erst das Aufheben der auf dem Tauschwert ruhenden Produktion, das Ende der Ware-Geldbeziehung, kann den Weg freimachen, die verfügbare Zeit der Menschen als das Maß des Reichtums zu setzen. Denn es geht keineswegs um Ent­sagen von Genuss, sondern Entwickeln von Kraft, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten wie der Mittel des Genusses. Eine echte Perspektive also, anstatt defätistisch-asketischer Selbstaufopferung.

Leider wurden die Grundrisse nie fertig ausgearbeitet. Beim lesen des Original fällt vor allem auf, wie Marx überall von seinem eigenen positiven Gedankenstrang abfällt um Aussagen und Thesen seiner Zeitgenossen zu kritisieren. Bei in­tensivstem Studium kann man nachvollziehen, wie er in deren Kritik seine eigenen Positionen erarbeitet. Trotzdem fällt es mit unter schwer, den eigentlichen roten Faden der Darstellung herauszufiltern. Wir haben hier versucht, mittels De­lete-Taste die eigenen ökonomischen Aussagen von Marx zusammenzustellen und den Wälzer somit auf 300 A5-Seiten zu reduzieren. Diese haben wir in vier Broschüren zusammengefasst. Um vorschneller Euphorie über die versprochenen Inhalte auf nur 300 Seiten allerdings vorzubeugen sei noch erwähnt, dass auch hier gilt, was Marx in seinem ersten Vorwort zur Ersten Auflage des Kapital 1867 schrieb:
Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft.

>> erster Teil

>> zweiter Teil

>> dritter Teil

>> vierter Teil

assoziation.info, januar 2013